„Mir kommt keine Frau mehr ins Haus“
Grosses BamS-Interview über Geld, Tod, Liebe. Und über Sex, der Freundschaften zerstört
BILD am SONNTAG: Herr Jürgens, weihnachtet es schon in Ihrem Herzen?
UDO JÜRGENS: Weihnachten hat eine große Bedeutung für mich. Wie man Weihnachten als Kind gelernt hat, so bleibt es einem im Herzen. Es war bei mir nie ein religiöser Anlass, ich bin kein religiöser Mensch, es ist einfach das Fest der Familie und des Friedens, des Miteinanders und der Hoffnung.
BamS: Wie haben Sie Weihnachten als Kind gefühlt?
JÜRGENS: Auch im Krieg haben meine Eltern uns das Fest wundervoll gestaltet. Wir haben im Wald einen Baum geschlagen und wenn mein Vater Schneespuren sah, hat er gesagt: „Halt, bewegt euch nicht. Da ist der Weihnachtsmann gegangen.“ Für uns Kinder war das ganz, ganz groß.
BamS: Ist die Weihnachtszeit und der Jahreswechsel für Sie eine Freudenzeit oder auch eine des Resümees?
JÜRGENS: Natürlich nicht ausschließlich eine Freudenzeit, aber doch sehr. Sicherlich, wenn dann Silvester kommt, und man umarmt sich um Mitternacht, bleibt es nicht aus, dass einem die Tränen in die Augen steigen. Da denke ich an die Eltern, die nicht mehr leben, an meinen älteren Bruder, der nicht mehr lebt. Man fühlt die Vergänglichkeit, die Begrenztheit des Lebens.
BamS: Sie betonten, nicht religiös zu sein. Wer hilft Ihnen in traurigen Momenten?
JÜRGENS: Das mache ich mit mir selber aus. Ich weiß nicht, wo da die Hilfe sein soll: Wenn ein Autobus mit Kindern die Böschung herunterstürzt und ein Gott allmächtig ist? Und wenn immer die Schwächsten der Schwachen, die ohnehin Ärmsten der Armen, noch ärmer werden, in allen Konflikten zuerst umgebracht werden? Die beten alle – und, was hilft es ihnen? Ich verurteile nicht, wenn andere religiös sind, ich bin es nicht.
BamS: Nur aus den genannten Gründen?
JÜRGENS: Seit ich 25 bin, denke ich sehr intensiv über diese Dinge nach. Und weil ich ein friedliebender Mensch bin, kann ich mich mit keiner einzigen Religionsgemeinschaft identifizieren und musste aus Gewissensgründen austreten. Ich kann nicht einer Religion angehören, die direkt oder indirekt an gewaltsamen Auseinandersetzungen beteiligt ist.
BamS: Warum, glauben Sie, waren Sie nicht für die eine große Liebe geschaffen?
JÜRGENS: Ich habe meine Karriere in einer völlig wilden Zeit gemacht. Alle Moralbegriffe wurden über den Haufen geworfen. Mit der Erfindung der Pille ist ja eine neue Freiheit ins Leben gekommen. Das hat schon viel durcheinander gewirbelt.
BamS: Sie sagen das, als ob Sie traurig deswegen sind . . .
JÜRGENS: Es war eine sehr lustige Zeit. Aber sicherlich ist es gut, dass man ein bisschen zur Besinnung gekommen ist. Was wiederum natürlich auch etwas mit Krankheiten zu tun hatte.
BamS: Aids.
JÜRGENS: In schlimmster Konsequenz, ja. Das waren die Warnschüsse. Aber als es das noch nicht gab, als alles neu war – nun, das war genau die Zeit, in die ich mit meinen Ehen reingerasselt bin. Besonders mit der ersten. Ich habe einfach auch vieles falsch gemacht. Aber die Vergangenheit hat man zu akzeptieren – auch die eigene.
BamS: Haben Sie mehr falsch oder mehr richtig gemacht?
JÜRGENS: Ich habe sicher vieles nicht richtig gemacht, aber auch etliches richtig. Und ich werde Fehler, die ich in der Vergangenheit gemacht habe, nicht wiederholen. Hoffe ich zumindest und glücklicherweise schützt mich vor einigen ein bisschen mein Alter.
BamS: Haben Sie jemals gedacht: Diesmal ist es für immer?
JÜRGENS: Nicht jedes Mal, aber fast. Das schönste Bild, das es gibt, ist das von zwei Leuten mit 80 Jahren, die Hand in Hand durch ihre kleine Stadt gehen, sich stützen und ein bisschen wackeln beim Gehen. Weil man sieht, dass die ihr Schiff durch alle Stürme des Lebens gemeinsam gesteuert haben. Es ist eine Gnade, wenn man das hat. Natürlich hat es auch mit den Lebensumständen zu tun.
BamS: Treue ist etwas für Langweiler?
JÜRGENS: Nein, für starke Menschen in den richtigen Umständen.
BamS: Haben Sie eigentlich noch Respekt vor Frauen?
JÜRGENS: Warum stellen Sie mir eine solche Frage?
BamS: Weil ich mir vorstellen kann, dass der Respekt eines Mannes schwindet, wenn sich ihm relativ häufig Frauen relativ hemmungslos feilbieten.
JÜRGENS: In jungen Jahren war das ein Problem. In den 60ern, auch noch in den 70ern. Da ging in 90 Prozent der Fälle die Initiative von den Frauen aus. Für jede Form: Kurz-episode, One-Night . . .
BamS: . . . One-Hour . . .
JÜRGENS: . . . auch das, ja. Aber da hat man dann anschließend auch gedacht: „Das war jetzt nicht gerade das Höchste!“ Aber das ist inzwischen eine längst überwundene Zeit, man denkt heute wirklich anders über diese Dinge. Und zum Glück bin ich nicht zum Zyniker geworden, der abfällig über Frauen redet. Natürlich macht man auch seine Witze unter Männern . . .
BamS: Was witzeln Sie denn so, unter Männern?
JÜRGENS: Ich lebe als Single, habe sehr viele Freunde, auch wunderbare Frauen sind darunter. Aber es gibt auch diese wundervollen Männerabende, wo schon mal die Bemerkung fällt: „Es ist doch schon sehr unproblematisch, wenn nicht die typischen Argumente von Frauen kommen.“