Neids schlimmste Niederlage
Nach dem überraschenden Aus gegen Japan war die Bundestrainerin ihrer Mannschaft noch einmal ganz nah. Im obligatorischen Kreis nach Spielschluss suchte Silvia Neid den Schulterschluss und spendete Trost. Aber irgendwie lässt sich der Eindruck nicht verwischen, dass zwischen ihr und den entthronten Titelverteidigerinnen die Distanz stark gewachsen ist - nach der schlimmsten Niederlage ihrer Trainerkarriere.(Die besten Bilder von Deutschland gegen Japan)
"Worüber soll ich mir persönlich Vorwürfe machen?", fragte Neid nach den 120 Minuten im dramatischen Viertelfinale von Wolfsburg und fügte mit dem Zeigefinger Richtung eigener Elf hinzu: "Dass ich die Bälle nicht selbst reingemacht habe? Wir hätten heute noch drei Stunden länger spielen können und hätten nicht getroffen." Für Selbstkritik war bei der Bundestrainerin nach dem sensationell frühen Scheitern gegen den Außenseiter kein Platz.
Angerer bekommt die Schuld
Stattdessen schob sie den schwarzen Peter einfach an Torhüterin Nadine Angerer weiter. "Das war so ein spitzer Winkel, der Ball darf eigentlich nicht reingehen", urteilte Neid über den Siegtreffer der eingewechselten Japanerin Karina Maruyama in der 108. Spielminute. Klar sah Deutschlands Nummer eins beim Gegentor unglücklich aus. Aber dass sich die Bundestrainerin nicht vor ihre langgediente Weggefährtin im Kasten der Nationalelf stellte, ist schon sehr ungewöhnlich. Es ist einer von vielen kritikwürdigen Aspekten, mit denen sich Neid nach dem Aus bei der WM im eigenen Lande auseinandersetzen muss.
Frust bei den DFB-Frauen, lange Pause für Kulig
Punkt eins: Die deutsche Mannschaft war offenbar unzureichend darauf vorbereitet, dem Druck einer WM im eigenen Lande standzuhalten. Ganz augenscheinlich zu sehen war das beim zweiten Gruppenspiel gegen Nigeria, als das DFB-Team trotz haushoher Überlegenheit nie ins Spiel fand. Auch gegen Japan wirkte das Team gehemmt und in der entscheidenden Phase sogar kopflos. Der Heimvorteil hatte sich zu einem Nachteil gewandelt, den die Gäste dankbar nutzten: So hatte Japans Trainer Norio Sasaki bewusst ein Elfmeterschießen in Kauf genommen. Wohl kalkulierend, dass die deutsche Elf diese zusätzliche Nervenbelastung vermeiden und so bei der Suche nach der frühzeitigen Entscheidung Fehler produzieren würde.
Lediglich Vorbereitungsweltmeister
Punkt zwei: Vom Vorbereitungsweltmeister Deutschland - vier Siege in den Testspielen mit 15:0 Toren - war im Turnier nichts mehr zu sehen. Eine starke halbe Stunde nach der Pause im ersten Spiel gegen Kanada und ein Spektakel in der zweiten Hälfte gegen zehn Französinnen - das war‘s mit der spielerischen Herrlichkeit beim hoch gehandelten Titelverteidiger. Das deutsche Team hat während des gesamten Turniers nicht seine Linie gefunden und wurde gegen ein technisch überlegenes Team wie Japan sogar auf seine körperliche Größe und Kraft degradiert. Ein Rückschritt im internationalen Vergleich, für den natürlich auch die Trainerin zuständig ist.
Demütigungen statt Souveränität
Zumal sie, Punkt drei, während des Turniers diskussionswürdige Personalentscheidungen traf. Ihre Kapitänin Birgit Prinz hat schlecht gespielt in den ersten beiden Partien. Aber die Rekordnationalspielerin zunächst mit ihrer frühen Auswechslung gegen Nigeria zu demütigen, nur um nach dem Frankreichspiel beinahe beiläufig auszuplaudern, Prinz selbst sehe sich mental nicht in der Lage, zu spielen, war war erneut wenig souveräner Führungsstil.
In anderen Fällen, wenn auch nur in Details, reagierte Neid zu spät oder ohne Plan. Gegen Japan etwa hätten sich weder Celia Okoyino da Mbabi noch Inka Grings beschweren können, wenn sie zur Pause in der Kabine geblieben wären. Doch Neid wechselte von den beiden Heldinnen des Frankreichspiels nur Grings aus - und das erst in der Verlängerung. Ihre Begründung, die eingewechselte Alexandra Popp sei ja auch nicht besser als die andere gewesen, klingt nach Ausrede. Auch die Aussage, die Mannschaft sei vom Kreuzbandriss Kim Kuligs geschockt gewesen, verschleiert lediglich, dass die folgende taktische Umstellung - Linda Bresonik von der Abwehr ins defensive Mittelfeld - ein Missgriff war, den Neid mit der Einwechslung Lena Goeßlings in der 65. Minute selbst reparierte.
Schlechte Verliererin
Dass Neid bei Pressekonferenzen oft auf schmalem Grat zwischen gesundem Selbstbewusstsein und fachlicher Arroganz wandelt, ist ausschließlich ein Problem für die anwesenden Journalisten. Aber dass sie sich zudem als schlechte Verliererin präsentiert, passt irgendwie nicht zum WM-Motto "2011 von seiner schönsten Seite." "Ich kann nicht behaupten, dass Japan verdient gewonnen hat", sagte die Bundestrainerin nach dem WM-Aus trotzig. Selbst wenn es so wäre - als Trainerin des WM-Gastgebers wäre bei allem Schmerz ein wenig
Demut und Höflichkeit angebracht gewesen.
Genug Stoff also für eine Manöverkritik an der Bundestrainerin. Erst recht, da die Mannschaft durch das Verpassen des Mindestziels Halbfinale auch die Qualifikation für Olympia 2012 verspielt hat. Die Vorzeigefrau des deutschen Damenfußballs, vor einigen Wochen noch als weiblicher Jogi Löw und als die Zukunft der Trainerzunft gepriesen, ist durch das WM-Debakel erst einmal entzaubert worden. Ihre Kritiker wagen sich jedenfalls schon aus der Deckung und könnten eine Neid-Debatte entfachen. Potsdams Trainer Bernd Schröder kritisiert die frühzeitige Vertragsverlängerung durch den DFB bis 2016. "Warum wurde der Vertrag mit Neid ohne Not vor der WM verlängert? Ein Vertrag, der nun nicht mal mehr die Buchstaben auf dem Papier wert ist."
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