Mit 13 wurde er Zeuge, wie sein Vater die Mutter erschlug
Harald Glööckler, ca. 40, macht Millionen mit schriller Mode und Glamour-Tand. In Deutschland rufen bis zu 3000 Leute pro Stunde beim Verkaufssender an, um seine Kreationen zu kaufen. Auch in Japan und England feiert Glööckler gerade Erfolge. In BamS erzählt der ehemalige Jeansverkäufer, der zum Volks-Lagerfeld aufstieg, sein Lebensdrama.
Zur Begrüßung gibt es als Erstes ein Bussi. Hingehaucht natürlich, wie es die Franzosen tun. Der Sound dazu swingt nicht so elegant: „Meine Liebe“, schrillt es, „schön Sie wiederzusehen! Macht Ihr Freund noch Triathlon?“ Harald Glööckler zieht wie auf Stichwort den Bauch ein, stemmt kokett die Hände in die Hüfte, blickt an sich herab – und schweigt.
Das kann nur eines bedeuten: Sag was zu meiner Figur. „Haben Sie abgenommen?“, lautet die vorsichtige Frage. Treffer! „Ja! 14 Kilo! Es war sooo anstrengend“, sagt Glööckler und wirft mit Augenaufschlag den Kopf in den Nacken, „aber mit Laufband, Krafttraining und einer Ernährungsumstellung habe ich es geschafft.“
Zu Besuch bei Harald Glööckler, Deutschlands schrillstem Modedesigner und Teleshopping-Wunder.
Kein deutscher Modemacher ist auf Home Shopping Europe (HSE24) erfolgreicher als er. Wie ein Fischverkäufer auf dem Wochenmarkt preist der Baden-Württemberger dort seine glamourösen Kollektionen an. Alles muss raus: Kleider, Halstücher, Schmuck – Glööckler vertickt es im Minutentakt.
Eine Erfolgsstory, die ab August in England ihre Fortsetzung nehmen soll und mittlerweile Asien erreicht hat: Hier präsentiert Glööckler seine Kollektionen in zwei eigenen Sendungen auf Shop Channel, dem größten Homeshopping-Sender Japans. Rund 22 Millionen Haushalte erreicht er damit.
Es ist die Kariere einer Kunstfigur: Glööckler liebt es, sein schrilles Anderssein zu zelebrieren. Für die Schwulen-Klamotte „Brüno“ soll Glööckler dem Hauptdarsteller Sacha Baron Cohen (37, „Borat“) Vorbild gewesen sein, zumindest in Gestik und Mimik.
Wir stehen mitten in seinem Glitzer-Reich. Berlin-Charlottenburg, 500 Quadratmeter auf drei Etagen, ein Mini-Versailles für Bürgerliche: Es gibt eine Sitzecke aus silbernen Couches, überall Spiegel, Rokoko-Stühle mit rotem Samt überzogen, riesige Gemälde, goldene Kandelaber. Glööckler, in pinkfarbener Röhrenjeans, serviert Schnittchen mit Garnelen und Lachs, reicht dazu Cola light.
Oberflächlich betrachtet könnte man sich nun dafür entscheiden, Harald Glööckler für einen durchgeknallten Spinner zu halten. Eine Lametta-Tunte, die von dem, was weitläufig als Ernst des Lebens bezeichnet wird, so viel versteht wie ein Gockel auf LSD.
Könnte man. Allein schon wegen der Optik: schwere Glitzer-Ringe an jedem Finger, aufgespritzte Lippen, das schwarz gefärbte Haar, das ihm nur ein Friseur waschen darf, zum Kamm gegelt.
Doch eines wird all diese Maskerade nicht wegschminken können: Glööcklers Augen. Sie lachen nur gelegentlich, häufiger umgibt sie ein Schatten von Traurigkeit. Als würde der Mensch Glööckler das spüren, reißt er sie weit auf, wenn er auf dem roten Teppich fotografiert wird; als traue er seinem üblichen Blick nicht, der unverzerrt ein Schlupfloch in seine Seele sein könnte.
„Als ich 13 Jahre alt war, musste ich mit ansehen, wie mein Vater meine Mutter erschlug“, sagt Harald Glööckler plötzlich. „An diesem Tag endete meine Kindheit.“
Jetzt ist es raus, Harald Glööckler scheint erleichtert. Selten spricht er über seine Familiengeschichte, seine Vergangenheit: „Meine Mutter hat viel geweint. Kein Wunder, mein Vater ist oft wie von Sinnen mit einem Messer in der Hand hinter ihr hergelaufen, wenn er betrunken war. Mutter hatte Angst, dass mein Vater nachts betrunken zu ihr kommt und ihr etwas antut.“
Warum hat der Vater sie geschlagen? „Weil er immer der Schwächere war und mit den Schlägen den starken Mann zeigen wollte.“
Glööckler wuchs in Maulbronn auf, einem 7000-Seelen-Ort in der Nähe von Pforzheim. Die Eltern arbeiteten in der Gastronomie und hatten einen Tagesablauf von grausamer Regelmäßigkeit: Die Mutter schuftete, der Vater kam abends besoffen nach Hause, dann schlug er zu.
„Ein Zombiefilm ist schöner als meine Kindheit“, sagt Glööckler, „ich wusste nie, was mich hinter der Tür erwartet, wenn ich nach Hause kam. Liegt Mutter blutend auf dem Sofa, ist sie vielleicht tot? Schon mit sechs Jahren hatte ich als Kind deshalb beschlossen, dass ich keine Frauen mehr weinen sehen will. Ich wollte nur noch alle Frauen schön machen. Entweder wirst du in so einem Zuhause verrückt oder du flüchtest in eine Traumwelt.“
Die Dramen, die sich zu Hause abspielten, erzählte Harald Glööckler niemandem: „Ich musste der Mutter versprechen, dass ich mit keinem darüber rede, dass mein Vater sie schlägt. Sie war ja deshalb schon oft im Krankenhaus. Wo wir wohnten, sprach man über so etwas nicht offen. Man erzählte eben, dass sie gestürzt sei.“
Dieter Schroth, 61 Jahre alt, betritt den Raum, serviert Obstsalat aus der Gourmetabteilung des KaDeWe. Seit 23 Jahren lebt der ehemalige Geschäftsmann an Glööcklers Seite.
„Danke, Herr Schroth“, sagt Glööckler und schenkt seinem Freund ein Lächeln. Er siezt den Lebenspartner, wenn andere dabei sind. Eine „Geste des Respekts“, sagt Glööckler, „ich bin streng erzogen.“ Die Männer lernten sich Mitte der 80er in einer Schwulenbar kennen. In Stuttgart eröffneten sie 1987 gemeinsam den „Jeans Garden“, verkauften Jeans und Hemden, die Glööckler zuvor mit allerlei Tand aufpeppte. „Eine tolle Aufbruchstimmung“, erinnert sich Glööckler und will schon verbal weit ausholen. Später vielleicht, Herr Glööckler. Jetzt erst noch einmal weit zurück in die Vergangenheit:
Was passierte, als die Mutter starb?
Glööckler schließt die Augen. „Meine Mutter hatte aus Angst vor Vater bei mir im Zimmer übernachtet. Irgendwann schlug er morgens von außen wütend an die Tür. Als ich öffnete, kam Vater herein, zerrte sie heraus und schlug ihr mit voller Wucht auf die Nase, dass sie die Treppe herunter stürzte. Sie kam ins Krankenhaus.“ Dort konnte der 13-jährige Harald noch einmal mit ihr sprechen:„Sie sah mich an und fragte: ,Was wird nur aus euch, wenn ich nicht mehr da bin?’ Da wusste ich, dass sie nie mehr nach Hause kommen wird.“
Drei Tage später war sie tot. Der Vater, der Täter, wurde nie angeklagt.
Glööckler: „Nach dem Tod meiner Mutter wurde ich sehr pragmatisch. Ich nahm mir vor, es die nächsten Jahre irgendwie mit dem Vater auszuhalten, bis ich mit 18 Jahren dann sofort auszog. Wir sprachen nur das Nötigste, Gefühle gab es nicht mehr. Man fragt sich nur insgeheim: Hätte ich verhindern können, dass er meine Mutter erschlägt? Habe ich etwas falsch gemacht? In solch einer Situation fängt man auch als Kind an, an sich selbst zu zweifeln und ganz vieles an sich selbst nicht zu mögen. Ich habe aus dieser Zeit gelernt, andere Menschen nie vorab zu verurteilen, sondern ihnen zuzuhören und in die Seele zu schauen. Ich mag zwar so erscheinen, aber ich bin alles andere als oberflächlich, das hat mich meine schlimme Kindheit gelehrt.“
Seit 2004 ist Harald Glööckler, der sich an sein tatsächliches Lebensalter nicht erinnern will, Botschafter des Kinderhilfswerks.
Das ist eine andere Welt für ihn, anders als die der Mode und des Glamour, die ihn sonst umgibt. Den Großteil seines Geschäftes wickelt Glööckler über seine Teleshopping-Auftritte auf dem Kanal HSE24 ab. So verkaufte er nach Auskunft von HSE24 erst kürzlich einen live präsentierten Hosenanzug für 59,99 Euro rund 2300- mal in einer Sendung. Auf den wichtigen Fashion-Events in Mailand oder Paris bleibt Glööckler hingegen eine Randfigur, Magazine wie „Vogue“ oder „Elle“ halten ihn auf Abstand, Glööckler steht für den Volks-Fummel, das kleine Schwarze für 39,98 Euro plus 5,95 Euro Versandkosten.
Mit einem handgemalten Firmenschild aus Pappe hatten Glööckler und Herr Schroth im Jahr 1990 ihr eigenes Label namens „Pompöös“ gegründet. Erkennungszeichen: zwei „ö“ und ein Krönchen.
Mit dieser Marke wollten die beiden die Welt erobern und starteten 1994 im Stuttgarter Schloss die erste Schau. Gina Lollobrigida und Bo Derek kamen, außerdem Brigitte Nielsen und Helmut Berger. Sie alle schienen begeistert von dem „schwäbischen Versace“, wie die Lokalzeitungen ihren Star nannten. In Rom lobte die „Lollo“ ihren jungen Freund aus Deutschland inzwischen als „Genie“.
Glööcklers Catwalk blieb jedoch der Boulevard: Er tingelt im Leoparden-Anzug durch Berlins Partynächte, lässt sich nackt für die Tierschutzorganisation Peta fotografieren und die Pelze, die sein Kollege Karl Lagerfeld präsentiert, nennt er „Leichenteile“.
Ein Berliner Stadtmagazin wählte Glööckler einmal unter die „100 peinlichsten Berliner“. Ihn stört das nicht.
Harald Glööckler: „Wie ich mich heute kleide und zurecht mache, ist eine Flucht in eine andere Welt, in der ich eine Kunstfigur bin. Ich wollte jemand anderes werden, mit dem alten Ich, das so viel gelitten hat, abschließen. Deshalb habe ich auch meinen Nachnamen von Glöckler in Glööckler geändert. Meine Mutter hat immer geweint, deshalb will ich aus allen Frauen schöne Prinzessinnen machen.“
Es ist Nachmittag geworden im 500-Quadratmeter-Showroom in Charlottenburg. Harald Glööckler wird unruhig, er will zum Flughafen und Herr Schroth, der auf Reisen immer die Hotelbetten mit von zu Hause mitgebrachter Wäsche bezieht, muss noch den gepackten Koffer schließen. Morgen in der Früh hat Glööckler in München acht Stunden Aufzeichnung. Der Renner soll ein Damen-Kaftan für 49,99 Euro sein. Glööckler weiß, dass er den Frauen gefallen wird. All seinen Prinzessinnen.
Quelle: bild.de